Es gibt Bücher, die man nicht vergisst. Die Büchr der Radio Praktiker Bücherei gehören für mich dazu. Nicht weil sie besonders schön gestaltet sind oder weil sie mit vielen schönen Grafiken bestechen. Sondern weil sie genau im richtigen Moment auftauchen. Dann wird plötzlich wird aus einem vagen Interesse ein echtes.
Für mich waren das vier kleine Bände der Radio Praktiker Bücherei. Etwa Anfang der 1980er Jahre kamen sie in meine Hände, geschrieben in den 1960er Jahren, gedruckt auf inzwischen schon etwas gelblich gewordenem Papier, mit damals handgezeichneten Schaltplänen und einer Sachlichkeit, die ich damals sehr mochte. Elektronik wurde dort nicht erklärt wie in einem Schulbuch. Sie wurde gezeigt, praktisch und direkt.
Was war die Radio Praktiker Bücherei?
Die Radio Praktiker Bücherei, kurz RPB, war eine Taschenbuchreihe des Franzis-Verlags, die von den 1950er bis in die 1990er Jahre erschien. Die Bände richteten sich an Hobbyelektroniker, Bastler und technisch interessierte Leser, die mehr verstehen wollten als das, was in einem einfachen Schaltplan steht.
Die Reihe umfasste am Ende mehrere hundert Bände zu Themen wie Empfangstechnik, Verstärker, Messtechnik, Stereofonie, Transistortechnik und vielem mehr. Die Bücher hatten ein einheitliches Format und waren schmal, handlich und mit einem charakteristischen Umschlag versehen, der ihnen einen hohen Wiedererkennungswert gab. Für viele Elektronikbastler waren sie seinerzeit die erste und wichtigste Quelle für technisches Wissen, lange bevor es das Internet gab und bevor Elektronikbücher erschwinglich wurden.
Ich kam erst viele Jahre später mit diesen Büchern in Berührung. Als ich die ersten Bände bekam, waren sie bereits mehr als 20 Jahre alt. Trotzdem lernte ich daraus sehr viel über die Grundlagen der Elektronik und der Verstärker- und Rundfunktechnik. Das waren die Themen, welche mich damals besonders interessierten.
Gerade die leicht verständlichen Erklärungen und die zahlreichen praktischen Beispiele machten die Bücher für mich äußerst interessant. In einer Zeit lange vor dem Internet verbrachte ich viele Stunden damit, in den einzelnen Bänden zu schmökern, Schaltungen zu studieren und mir nach und nach ein besseres Verständnis für die Elektronik anzueignen. Auch meine ersten eigenen Aufbauten von Schaltungen basierten zum größten Teil auf den Grundlagen, die in diesen Büchern vermittelt wurden.
Meine vier Bände der Radio Praktiker Bücherei

RPB Band 27: Rundfunkempfang ohne Röhren – Herbert G. Mende (11. Auflage, 1963)
Dieser Band war mein Einstieg in die Detektortechnik. Und er hat mich sofort gepackt. Die Idee, einen Radioempfänger ohne jede Stromversorgung zu betreiben, faszinierte mich. Nur eine Antenne, eine Spule, ein Kondensator und eine Diode. Und trotzdem Rundfunkempfang.
Ich habe damals mehrere Detektorempfänger aufgebaut, die auch tatsächlich funktionierten. Mit einer langen Außenantenne konnte ich damit bis tief in die Nacht Mittelwellensender empfangen. Das war um 1985/1986 herum. Die Mittelwelle war auch hierzulande noch lebendig, die großen Sender wie Deutschlandfunk, RIAS und viele europäische Stationen waren besonders nach Einbruch der Dunkelheit gut zu hören.
Der Grund dafür lag in den besonderen Ausbreitungsbedingungen der AM-Wellen auf Mittel- und Langwelle. Tagsüber wurden die Signale durch eine bestimmte Schicht der Ionosphäre stark gedämpft. Nach Sonnenuntergang verschwand diese Dämpfung weitgehend, sodass die Radiowellen an höheren Schichten der Ionosphäre reflektiert wurden und dadurch deutlich größere Entfernungen überbrücken konnten. Deshalb waren abends und nachts plötzlich Sender zu hören, die tagsüber überhaupt nicht oder nur sehr schwach empfangen werden konnten.

Der Detektor aus dem YPS-Heft
1985 kam übrigens ein Detektorempfänger aus einem YPS-Heft für 8,50 DM hinzu. Das war eine Ergänzung, die gut zu diesem Buch passte und zeigt wie populär die Detektortechnik damals noch war, auch unter Jugendlichen. Die Achtmarkfünfzig waren damals viel Geld für einen Schüler wie mich, aber mir war es das YPS-Extraheft wert.
Was mich an diesem Heft besonders begeisterte: Es erklärte nicht nur die Schaltungen, sondern auch die Physik dahinter: warum eine Diode demoduliert, wie eine Schwingkreisspule funktioniert und weshalb besonders die Antennenlänge eine so wichtige Rolle spielt. Dieses Hintergrundwissen war es, das aus dem Nachbauen ein wirkliches Verstehen machte.

YPS war ein Jugendheft der 1980er Jahre, dem regelmäßig kleine Bastelprojekte, die sogenannten Gimmicks beilagen. Dort erschienen zwei Sonderhefte mit Detektorradios, eines 1980, das zweite 1985.
RPB 121/123: Bastelpraxis Band IV – Transistorpraxis – Werner W. Diefenbach
Dieser Band war mein praktisches Arbeitsbuch. Hier habe ich am meisten nachgebaut und am meisten gelernt, auch durch Fehler. Besonders in Erinnerung geblieben sind mir drei Schaltungen:
Der elektronische Dämmerungsschalter (Seite 294) war eine meiner ersten Schaltungen mit einem lichtempfindlichen elektronischen Bauteil als Sensor. Die Idee, dass eine Schaltung selbsttätig auf Licht reagiert, war für mich damals faszinierend.
Der NF-Verstärker (Seite 365) war eine meiner liebsten Schaltungen. Verstärker haben mich schon früh interessiert, weil man das Ergebnis sofort hören kann. Mit den Bauteilen die mir zur Verfügung standen, musste ich die Schaltung etwas abwandeln, was mich zwang, die Funktion wirklich zu verstehen statt nur zu kopieren.
Der Telefonverstärker (Seite 379) hatte für mich einen besonderen praktischen Reiz. Schließlich war dies eine Schaltung die an einem echten Gerät im Alltag funktionierte. Und das ganz ohne Eingriff, schließlich waren zu Zeiten der Deutschen Bundespost die Telefone noch Tabu, was Modifikationen oder Ähnliches anging.

Bauteile zu beschaffen war damals eine eigene Herausforderung. Einen Teil bestellte ich aus dem Katalog von Conrad, dem auch heute noch großen Elektronik-Versandhaus. Den anderen Teil gewann ich durch Ausschlachten: alte Fernseher aus den späten 1960er und 1970er Jahren, die noch diskret aufgebaut waren und eine Fülle brauchbarer Transistoren, Widerstände und Kondensatoren enthielten. Auch Stereoanlagen und Kassettengeräte wanderten durch meine Hände. Dieses Ausschlachten war selbst eine Schule. Man lernte, Bauteile zu identifizieren, durchzumessen und zu verstehen, bevor man sie in einer neuen Schaltung einsetzte.
RPB 55/56a: Fernsehtechnik von A bis Z – Joachim Conrad
Dieser Band war für mich weniger ein Bastelbuch als ein Nachschlagewerk und Erklärungsbuch. Die Fernsehtechnik der damaligen Zeit mit ihren Bildröhren, Zeilentransformatoren und Synchronschaltungen war komplex, und dieser Band half mir zu verstehen, was in den Fernsehern steckte, die ich ausschlachtete. Warum ist der Zeilentrafo so wichtig? Wie entsteht das Bild auf dem Bildschirm der Röhre? Was macht die Vertikalablenkung? Antworten auf solche Fragen fand ich hier.
RPB 97/98a: Kleines Stereo Praktikum – Fritz Kühne und Karl Tetzner
Dieser Band öffnete mir die Welt der Stereofonie, ein Thema das mich sehr interessierte, weil es die Brücke zwischen Elektronik und Musik schlug. Wie funktioniert das Stereoprinzip? Wie wird ein Stereosignal im Rundfunk übertragen und wieder dekodiert? Außerdem: Wie arbeitet eine Schallplatten-Tonabnehmersystem, wie ein Stereo-Tonkopf in einem Tonbandgerät oder Kassettenrekorder?
Das Kleine Stereo Praktikum gab mir das Grundlagenwissen, das ich brauchte um zu verstehen, warum manche Verstärker und Tonabnehmer besser klangen als andere und wie man das technisch beeinflussen kann.

Was diese Bücher besonders machte
Rückblickend war es vor allem die Kombination aus Theorie und Praxis, die diese Bücher so wertvoll machte. Sie erklärten nicht nur, wie eine Schaltung aufgebaut wird, sondern warum sie so funktioniert. Das ist ein Unterschied der sich erst dann zeigt, wenn man versucht eine Schaltung abzuwandeln oder einen Fehler zu finden.
Dazu kam der Stil: sachlich, direkt, ohne unnötigen Ballast. Die Autoren schrieben für Menschen, die sich wirklich für das Thema interessierten und basteln wollten und nicht für Prüfungen.
Und schließlich: Diese Bücher waren seinerzeit erschwinglich. Ein Band kostete wenige Mark, und man konnte ihn ohne Probleme neben sich auf den Tisch legen und damit arbeiten. Das war wichtig in einer Zeit, in der Elektronikfachliteratur oft teuer und schwer zugänglich war. Ich bekam die Bücher gebraucht, trotzdem waren sie für mich interessant, da sich die Grundlagen nicht geändert hatten, nur die Bauteile und der Aufbau.
Die Radio Praktiker Bücherei heute
Wer die Bände heute sucht, wird in Antiquariaten, auf Flohmärkten und bei Online-Plattformen fündig. Die Preise sind moderat. Viele Bände sind für wenige Euro erhältlich, seltene Ausgaben oder frühe Auflagen etwas teurer.
Dokumente ihrer Zeit
Technisch sind die Bücher natürlich ein Zeitdokument. Viele der beschriebenen Schaltungen basieren auf Germaniumtransistoren oder Bauteilen die heute kaum noch erhältlich sind. Aber als Lektüre für das Verständnis von Grundprinzipien sind sie nach wie vor wertvoll, vielleicht sogar mehr als manches moderne Lehrbuch, weil die Schaltungen übersichtlich und nachvollziehbar sind.
Für mich persönlich sind diese vier Bände mehr als Bücher. Sie sind der Beginn eines starken Interesses, das bis heute anhält und aus der unter anderem diese Webseite entstanden ist.
Die Radio Praktiker Bücherei hat mich damals gelehrt, Elektronik nicht nur anzuwenden sondern zu verstehen. Dieser Gedanke hat mich nie losgelassen und ist letztlich auch der Ansatz, den ich in meinen eigenen Büchern wie Elektronenröhren in der Praxis oder Elektronik-Reparaturen weitergeben möchte.
Haben Sie auch Erinnerungen an die Radio Praktiker Bücherei? Falls Sie selbst Bände der Reihe besessen haben oder noch besitzen, welche waren Ihre Favoriten und was haben Sie damit aufgebaut? Ich freue mich über Kommentare und Erinnerungen.
Über den Autor
Gerd Weichhaus beschäftigt sich seit vielen Jahren praktisch mit Elektronik, Reparaturtechnik und der Fehlersuche an elektronischen Geräten. Er ist außerdem Autor von Fachbüchern zu Netzteilen und elektronischen Grundlagen.
Viele der beschriebenen Ursachen und Lösungen basieren auf praktischen Erfahrungen aus der Reparaturpraxis. Mehr über den Autor




